#390 Diese Jazz-Etüden haben wir viele Jahre lang unterschätzt: Lennie Niehaus für Saxophon
Manche Lehrmaterialien wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Sie kommen nicht mit einer großen Playback-Bibliothek, einer modernen Gestaltung oder besonders viel technischem Zubehör daher. Und trotzdem können sie für die musikalische Entwicklung unglaublich wertvoll sein.
Die Etüden von Lennie Niehaus gehören für mich genau in diese Kategorie.
Ich bin mit diesen Etüden aufgewachsen, als ich begonnen habe, Jazz zu spielen. Damals gab es noch nicht die große Auswahl an modernen Etüdenheften, die heute erhältlich ist. Inzwischen gibt es viele hervorragende Materialien – zum Beispiel Etüden mit Playbacks, Begleitspuren und umfangreichen Übekonzepten. Trotzdem kehre ich immer wieder gern zu den Niehaus-Etüden zurück.
Denn sie zeigen sehr klar, wie Jazzsprache funktioniert.
Was macht die Etüden von Lennie Niehaus so wertvoll?
Das Besondere liegt in ihrer Konzentration auf wenige, aber wichtige musikalische Ideen. Häufig steht am Anfang eine zentrale rhythmische oder melodische Phrase. Diese Phrase wird im Verlauf der Etüde weiterentwickelt, verändert und in unterschiedliche Zusammenhänge gebracht.
Du lernst also nicht in jedem Takt komplett neues Material. Stattdessen begegnest du einer musikalischen Idee immer wieder – und genau dadurch kann sie sich festigen.
Das ist beim Jazzlernen ein großer Vorteil. Jazzsprache besteht nicht nur aus einzelnen Tönen oder Tonleitern. Sie besteht aus typischen rhythmischen Figuren, melodischen Wendungen, Akzenten, Bindungen und Artikulationsformen. Diese Elemente müssen nicht nur verstanden, sondern gehört, gespielt und körperlich verinnerlicht werden.
Jazzpatterns durch Wiederholung wirklich lernen
Viele Saxophonist:innen kennen das: Man sieht ein interessantes Jazzlick, spielt es ein paar Mal und denkt, man habe es gelernt. Einige Tage später ist es aber wieder „verschwunden“
Der Grund ist oft, dass die Phrase noch nicht tief genug verarbeitet wurde.
Die Etüden von Lennie Niehaus arbeiten dagegen mit einer sinnvollen Form von Wiederholung. Eine musikalische Kernidee taucht wiederholt auf, wird aber nicht einfach nur kopiert. Sie wird kompositorisch bearbeitet und dadurch in verschiedenen Situationen erlebt.
So entsteht ein Lernprozess auf mehreren Ebenen:
- Die Finger lernen die Bewegung.
- Das Ohr erkennt die typische Klanggestalt.
- Der Körper spürt den Rhythmus.
- Der Kopf versteht den musikalischen Zusammenhang.
- Die Artikulation wird Teil der Phrase.
Genau diese Verbindung ist eine wichtige Grundlage für Jazzimprovisation.
Jazzphrasierung steht direkt in den Noten
Ein weiterer großer Vorteil dieser Etüden sind die Artikulationsbezeichnungen und Bindungen. Sie zeigen nicht nur, welche Töne gespielt werden, sondern geben auch Hinweise darauf, wie die Phrase gedacht und gestaltet werden kann.
Das ist besonders für Jazzanfänger:innen hilfreich. Wer ausschließlich Melodien aus dem Realbook spielt, bekommt oft zwar die Tonhöhen, aber nicht automatisch eine klare Vorstellung von Jazzartikulation und Jazzphrasierung.
Bei einer gut notierten Etüde kannst du dich dagegen gezielt mit folgenden Fragen beschäftigen:
- Welche Töne gehören zusammen?
- Wo liegt der musikalische Akzent?
- Welche Noten werden eher leicht oder kurz gespielt?
- Wo trägt die Bindung die Phrase?
- Wie verändert sich der Charakter, wenn ich alles gleichmäßig spiele?
Gerade der Vergleich ist lehrreich: Spiele einen kurzen Abschnitt zunächst möglichst neutral. Spiele ihn anschließend mit bewusster Artikulation und klarer Phrasierung. Oft hörst du sofort, wie viel musikalischer die Phrase dadurch wirkt.
Brauche ich ein Playback?
Nein. Für die Arbeit mit diesen Etüden brauchst du nicht zwingend eine komplexe Begleitung.
Ein Metronom kann völlig ausreichen. Es hilft dir, den Puls zu stabilisieren und dich auf die musikalische Gestaltung zu konzentrieren. Gerade bei den Übungen ohne klassische Jazzbegleitung ist das sehr sinnvoll.
Du kannst außerdem mit iReal Pro arbeiten. Eine gute Möglichkeit ist, zunächst nur das Schlagzeug beziehungsweise ein einfaches Swing-Pattern einzuschalten. So bekommst du einen musikalischen Puls, ohne dass die Begleitung deine Aufmerksamkeit zu stark bindet.
Später kannst du Bass und Akkordinstrumente ergänzen. Dann hörst du, wie sich die Etüde im harmonischen Zusammenhang anfühlt.
So übst du eine Jazz-Etüde effektiv
1. Zuerst den Rhythmus verstehen
Bevor du die komplette Etüde spielst, sprich oder klatsch den Rhythmus einer kurzen Phrase. Du kannst sie auch auf einem einzigen Ton spielen.
Wenn der Rhythmus bereits ohne viele Tonhöhen lebendig klingt, hast du eine gute Grundlage.
2. Langsam und entspannt beginnen
Wähle ein Tempo, in dem du nicht kämpfen musst. Ein langsames Tempo ist kein Rückschritt. Es gibt dir die Möglichkeit, auf Artikulation, Luftführung, Klang und Zeitgefühl zu achten.
Steigere das Tempo erst, wenn die Phrase auch langsam musikalisch klingt.
3. Die Kernphrase auswendig lernen
Nimm eine kurze Phrase und lerne sie nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Ohr. Singe sie, sprich sie oder spiele sie auf einem einfachen Ton nach.
Anschließend versuchst du, sie ohne Noten zu spielen.
4. Die Phrase in die Improvisation übertragen
Eine Etüde sollte nicht am Notenständer enden. Nimm eine kurze Phrase und setze sie in einen einfachen Blues oder eine überschaubare Akkordfolge ein.
Danach kannst du Schritt für Schritt freier werden:
- Spiele die Phrase zunächst unverändert.
- Verändere anschließend nur den Rhythmus.
- Übertrage dann die Artikulation auf ein eigenes Motiv.
- Entwickle schließlich eine eigene Variante.
So wird aus einer Etüde allmählich eigenes musikalisches Vokabular.
Für wen sind diese Etüden geeignet?
Die Etüden von Lennie Niehaus sind besonders gut geeignet für Saxophonist:innen, die mit Jazz gerade beginnen oder ihre ersten Erfahrungen mit Swing und Improvisation sammeln.
Sie bieten eine klare Struktur und überschaubare musikalische Aufgaben. Dadurch können sie helfen, wenn das Spielen von Standards aus dem Realbook noch etwas unübersichtlich wirkt.
Auch Wiedereinsteiger:innen können von diesem Material profitieren. Wer nach längerer Pause wieder in den Jazz einsteigen möchte, findet darin einen guten Weg, Timing, Artikulation und typische Phrasen systematisch zu reaktivieren.
Für fortgeschrittene Spieler:innen können die Etüden ebenfalls interessant sein – nicht unbedingt, weil jede technische Herausforderung besonders groß wäre, sondern weil sie dazu einladen, einfache musikalische Ideen sehr bewusst zu gestalten.
Etüden sind eine Ergänzung, kein Ersatz
Natürlich ersetzen die Etüden nicht das Hören, Transkribieren, Spielen von Standards und Improvisieren. Sie sind aber eine hervorragende Ergänzung.
Du kannst sie als Brücke verstehen:
- von einzelnen Tonleitern zu musikalischen Phrasen;
- vom Notenlesen zum Spielen aus dem Gedächtnis;
- von technischen Übungen zu musikalischer Gestaltung;
- von vorgegebenem Material zu eigener Improvisation.
Genau darin liegt ihr großer Mehrwert.
Mein Fazit
Die Etüden von Lennie Niehaus sind vielleicht nicht das aufwendigste oder modernste Lehrmaterial. Aber sie sind klar, musikalisch und didaktisch sehr gut auf den Kern ausgerichtet.
Sie helfen dir dabei, Jazzpatterns zu hören und zu spielen, Artikulation bewusster wahrzunehmen und typische Jazzphrasierung Schritt für Schritt in dein eigenes Spiel zu integrieren.
Wenn du mit Jazz gerade erst beginnst, musst du nicht auf das perfekte Playback warten. Nimm eine Etüde, ein Metronom oder ein einfaches Swing-Pattern und arbeite konzentriert mit einer kurzen Phrase.
Wenige Takte können sehr viel verändern, wenn du sie wirklich hörst, verstehst und musikalisch gestaltest.
Im begleitenden Video spiele ich die Etüde 4 vor und zeige dir, wie du mit diesem Material praktisch arbeiten kannst.
Wenn du die Etüden bereits kennst, schreib gern in die Kommentare: Welche Etüde hat dir beim Jazzlernen besonders geholfen?
Hier der Link zu den Noten.
