#392 Richtig Saxophon üben: Warum du als Fortgeschrittene:r weniger, aber gezielter üben solltest
Vielleicht kennst du diese Situation: Du hast viele Bücher, PDFs, Videos und Übungen gesammelt. Auf deiner Liste stehen Tonleitern, Soundübungen, Technik, Improvisation und mehrere neue Stücke. Eigentlich möchtest du alles machen – und am Ende weißt du nicht, womit du anfangen sollst.
Gerade wenn du beim Saxophonspielen Fortschritte machst, wird diese Situation häufig anspruchsvoller. Nicht, weil du weniger motiviert bist, sondern weil dir immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb:
Je besser du wirst, desto wichtiger wird die Auswahl beim Üben.
Richtig Saxophon zu üben bedeutet nicht, möglichst viele Übungen in möglichst kurzer Zeit unterzubringen. Es bedeutet, einen musikalisch sinnvollen Schwerpunkt zu wählen und ihm genug Aufmerksamkeit zu geben.
Warum Fortschritte am Anfang oft schneller sichtbar sind
Als Anfänger:in lernst du viele grundlegende Dinge zum ersten Mal: den ersten Ton, neue Griffe, einfache Rhythmen oder die erste Melodie. Kleine Veränderungen machen schnell einen großen Unterschied. Eine Woche kann sich wie ein deutlicher Sprung nach vorne anfühlen.
Später werden deine Ziele feiner. Du arbeitest vielleicht an:
- einer stabileren Intonation;
- einem persönlicheren Sound;
- besserem Timing;
- Jazz-Phrasierung;
- einer sicheren Formorientierung;
- Artikulation und Dynamik;
- motivischer Entwicklung in der Improvisation.
Diese Fähigkeiten entwickeln sich nicht immer innerhalb weniger Tage. Oft brauchst du mehrere Wochen oder Monate, bis du eine Veränderung deutlich hörst. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass du nicht vorankommst.
Mehr Können bedeutet oft mehr Auswahl
Mit wachsender Erfahrung kennst du mehr Übungen und weißt besser, welche Bereiche des Saxophonspiels wichtig sind. Genau darin liegt aber auch eine Gefahr: Du möchtest plötzlich an allem gleichzeitig arbeiten.
Vielleicht stehen dann alle Durtonleitern auf dem Plan – in Terzen, mit Jazz-Phrasierung, mit Staccato und in verschiedenen rhythmischen Varianten. Dazu kommen Longtones, Pitchbend-Übungen, Obertonübungen, ein neues Stück und mehrere ältere Stücke, die du wieder auffrischen möchtest.
Alles davon kann sinnvoll sein. Aber nicht alles davon ist gleichzeitig sinnvoll.
Nicht jede gute Übung ist jetzt deine wichtigste Übung.
Ein klarer Übeplan für einen Monat oder zwei Monate
Eine hilfreiche Strategie ist, deine Ziele nicht jeden Tag neu zu erfinden. Plane stattdessen für einen überschaubaren Zeitraum – zum Beispiel für einen Monat oder bei anspruchsvollen Stücken für zwei Monate.
1. Wähle ein bis drei neue Stücke
Überlege dir, welche Stücke du wirklich neu lernen möchtest. Ein bis drei Stücke reichen völlig aus, wenn du sie gründlich bearbeitest.
Beim Lernen eines Stücks geht es nicht nur darum, die Noten zu spielen. Du möchtest vielleicht auch:
- die Form verstehen;
- die Melodie sicher auswendig kennen;
- eine passende Artikulation entwickeln;
- den Sound gestalten;
- schwierige Übergänge isolieren;
- improvisatorische Ideen finden;
- das Stück musikalisch ausdrücken.
Ein einziges anspruchsvolles Stück kann also bereits sehr viel Übematerial enthalten.
2. Frische zwei bis drei Repertoirestücke auf
Dein Repertoire sollte nicht nur aus neuen Baustellen bestehen. Nimm dir zusätzlich zwei oder drei Stücke vor, die du bereits kennst, aber wieder stabilisieren möchtest.
So bleiben ältere Stücke musikalisch lebendig und du erlebst schneller, wie sich dein aktuelles Können in bereits bekannten Situationen zeigt.
3. Behalte ein oder zwei Belohnungsstücke
Nicht jedes Stück muss ein Lernprojekt sein. Wähle ein oder zwei Stücke, die du einfach gern spielst.
Diese Stücke dürfen leicht, vertraut oder besonders schön sein. Sie geben deinem Üben Leichtigkeit und erinnern dich daran, warum du überhaupt Saxophon spielst.
Warum mindestens die Hälfte der Übezeit ins Repertoire gehört
Eine häufige Verteilung sieht so aus: 15 Minuten Sound, 30 Minuten Technik und 15 Minuten Repertoire. Bei einer Stunde Übezeit bleiben dann nur 25 Prozent für die Musik, die du tatsächlich spielen möchtest.
Meine Empfehlung lautet: Mindestens 50 Prozent deiner Übezeit sollten auf dein Repertoire entfallen.
Bei einer Stunde könnte das beispielsweise so aussehen:
- 10 Minuten Einspielen und Sound
- 15 Minuten Technik
- 35 Minuten Repertoire
Oder:
- 10 Minuten Sound
- 20 Minuten Technik
- 30 Minuten Repertoire
Die genaue Aufteilung darf sich je nach Ziel verändern. Wenn du kurz vor einem Auftritt stehst, kann dein Repertoireanteil sogar noch größer werden.
Repertoire verbindet alle einzelnen Fähigkeiten
Sound, Technik und Tonleitern sind wichtige Bausteine. Aber im Repertoire werden sie zu Musik.
- Deine Tonbildung wird zur Klangfarbe einer Phrase.
- Deine Technik wird zu einer flüssigen musikalischen Bewegung.
- Dein Timing wird zu Groove.
- Deine Artikulation wird zu musikalischer Sprache.
- Dein Wissen über Tonleitern wird zu melodischem Material.
Darum ist Repertoire nicht das, was am Ende übrig bleibt, wenn du mit den „wichtigen“ Übungen fertig bist. Es ist der Ort, an dem sich deine Übungen bewähren.
Du übst nicht, damit du irgendwann Übungen kannst. Du übst, damit du Musik machen kannst.
Technik üben: Eine konkrete Absicht statt zehn Varianten
Technikübungen können sehr schnell ausufern. Nehmen wir Durtonleitern: Du könntest sie in allen Tonarten, in Terzen, mit Staccato, mit Jazz-Phrasierung, in verschiedenen Tempi und mit unterschiedlichen rhythmischen Mustern spielen.
Das ist langfristig alles wertvoll. Für die heutige Übeeinheit brauchst du aber vielleicht nur eine Variante.
Formuliere deshalb eine konkrete Absicht:
- „Heute arbeite ich an gleichmäßigen Tonübergängen in zwei Tonarten.“
- „Diese Woche konzentriere ich mich auf Jazz-Phrasierung.“
- „In diesem Monat möchte ich die Durtonleitern zunächst sicher und entspannt spielen.“
Die Frage lautet nicht: „Welche Varianten kenne ich?“ Die bessere Frage lautet:
Was soll nach dieser Übung konkret besser sein?
Soundübungen: Weniger kann mehr sein
Auch bei Soundübungen ist die Menge nicht entscheidend. Vielleicht möchtest du Longtones, Pitchbend, Obertonübungen und eine Oktav-/Quint-/Quart-Übung in eine einzige Übeeinheit packen.
Diese Übungen können alle sinnvoll sein. Wenn du aber vier Übungen nur oberflächlich durchspielst, ist das möglicherweise weniger wirksam, als zwei Übungen sehr aufmerksam zu bearbeiten.
Achte bei einer Soundübung zum Beispiel auf:
- den Beginn des Tons;
- die Stabilität deiner Luftführung;
- die Klangfarbe;
- die Intonation;
- unnötige Spannung;
- die Veränderung zwischen den Registern.
Eine sieben- oder achtminütige Soundübung kann bereits eine lange Übephase sein, wenn du wirklich konzentriert lauschst, kontrollierst und Pausen machst.
Dokumentation: Schreibe deine Ziele auf
Viele Übeprobleme entstehen, weil Ziele nur im Kopf existieren. Schreibe deshalb am Anfang des Monats auf:
- welches musikalische Ziel du verfolgst;
- welche neuen Stücke du lernst;
- welche Stücke du auffrischst;
- welche ein bis zwei Technik- oder Soundschwerpunkte du auswählst;
- welches Belohnungsstück dir Freude macht.
Am Monatsende kannst du überprüfen:
- Was ist hörbar oder spürbar besser geworden?
- Was war zu viel?
- Was möchtest du weiterführen?
- Was darf im nächsten Monat warten?
Die Dokumentation soll dich nicht unter Druck setzen. Sie hilft dir vor allem dabei, Fortschritte wahrzunehmen, die im Alltag leicht übersehen werden.
Vier Schlüssel für effektives Saxophonüben
1. Reduktion
Wähle bewusst weniger Material aus. Alles, was du nicht in diesem Monat übst, ist nicht verloren. Es darf einfach warten.
2. Bewertung
Frage dich, welches Thema für dein aktuelles musikalisches Ziel relevant ist.
3. Einschätzung
Plane so, dass du das Material in deinem tatsächlichen Zeitbudget bearbeiten kannst.
4. Dokumentation
Halte deine Ziele und Beobachtungen schriftlich fest. So wird dein Übeprozess sichtbar.
Ein einfacher Start für deine nächste Übewoche
Wenn du sofort beginnen möchtest, geh so vor:
- Schreibe alles auf, was du gerade üben möchtest.
- Markiere maximal drei neue Schwerpunkte.
- Wähle zwei bis drei Repertoirestücke zum Auffrischen.
- Bestimme maximal zwei Sound- oder Technikübungen.
- Reserviere mindestens die Hälfte deiner Übezeit für Repertoire.
- Ergänze ein Stück, das du einfach gern spielst.
- Überprüfe am Ende der Woche, was wirklich geholfen hat.
Du musst nicht weniger ambitioniert sein, nur weil du weniger Material auswählst. Im Gegenteil: Eine klare Auswahl ermöglicht dir, tiefer, bewusster und musikalischer zu arbeiten.
Fazit: Gute Übeplanung ist eine musikalische Entscheidung
Je weiter du auf dem Saxophon kommst, desto wichtiger werden Reduktion, Bewertung und Selbsteinschätzung. Du brauchst nicht immer neue Übungen. Du brauchst einen klaren Blick dafür, was jetzt an der Reihe ist.
Nimm dir für einen begrenzten Zeitraum wenige neue Stücke vor. Halte dein Repertoire lebendig. Gib der Musik mindestens die Hälfte deiner Übezeit. Wähle bei Sound und Technik lieber wenige Übungen mit hoher Konzentration. Und schreibe deine Ziele auf.
So wird Üben nicht kleiner, sondern fokussierter. Und genau diese Fokussierung hilft dir dabei, mit mehr Leichtigkeit, Freude und musikalischem Ausdruck weiterzukommen.
Im Video zeige ich dir, wie du diese Prinzipien ganz praktisch auf deinen eigenen Übeplan übertragen kannst.
